"Wir laufen auf den totalen Überwachungsstaat zu, und keiner merkt es.
Er ist schon so alltäglich, dass niemand mehr reagiert."
Diese Aussage des verstorbenen
Wau Holland aus einem Interview mit der SonntagsZeitung zierte die Webseite von
Big Brother Awards Schweiz. Gespannt sein durfte man deshalb auf die diesjährige Verleihung des 'Preises, den keiner haben will'.
Ich möchte hier kurz die Gewinner vorstellen und dann auch einen Blick auf die Jury werfen.
Kategorie Staat und Lebenswerk
Geehrt wurde Bundesrat Blocher für seinen Einsatz seit 2005 für die Revision des 'Bundesgesetzes über Massnahmen zur Wahrung der inneren Sicherheit' (BWIS). Die überarbeitete Fassung sieht unter anderem das Abhören von Telefongesprächen, das heimliche Durchsuchen von Computern und das versteckte Eindringen und Verwanzen von Wohnungen ohne konkreten Verdacht und ohne richterliche Anordnung vor.
Für seinen Einsatz für ebendieses Gesetz wurde Blocher ausserdem mit dem Lebenswerk-Award ausgezeichnet. Er nahm die Preise nicht persönlich entgegen.
Kategorie Business
Einmal mehr waren diverse Telecom-Firmen unter den Nominierten, geschafft hat es aber die Krankenkasse
Helsana, die gemäss
Tagesanzeiger Einblick in Patientendossiers ohne Zustimmung der Patienten erhielt, Zwecks Ermittlung von Sparpotential. Eine Verwaltungsgerichtsbeschwerde der Stadt Zürich wurde vom Bundesgericht zurückgewiesen. Bei der Preisverleihung war niemand von Helsana zugegen.
Kategorie Arbeitsplatz
Dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter mit Kameras und anderen Massnahmen überwachen, scheint heutzutage bereits normal. Da musste es schon etwas mehr sein: Willkürliche Drogentests bei Mitarbeitern ohne konkreten Verdacht. Bei den
SBB werden zB. auch Kondukteure bis zum 40. Lebensjahr darauf getestet, ob sie in der letzten Zeit gekifft haben. Die SBB glänzten mit Abwesenheit.
Publikumspreis für lobenswerten Widerstand
Diesen Positiv-Preis gewann der Blogger 'BloggingTom' für seine Beiträge zum Thema 'virtueller Pranger'. Blogging-Tom wurde mittlerweile selbst
für seinen Einsatz von Werbe-Trackern gerügt,
gelobt aber Besserung.
Die Jury
Nominieren darf jedermann. Für BBA 2008 können bereits die penetrantesten Schnüffler gemeldet werden. Aber wer wählt die Gewinner? Ein kurzer Überblick.
Claude Almansi - Netzaktivistin aus dem Tessin -
communica.ch und
adisi.ch
Peter Basler - Konsumentenschützer - Produzent
Kassensturz
Susan Boos - Redaktionsleiterin
WOZ
Urs Frieden - Journalist - ehemaliger Mitarbeiter der Unia-Zeitung
WORK - Grünes Bündnis
Balthasar Glättli - Ko-Präsident
Grüne Kanton Zürich
Felix Kuhn -
Texter und Kunstmaler
Danièle Lenzin - Gewerkschaft
comedia
Paul Rechsteiner - Präsident
Gewerkschaftsbund und
SP-Nationalrat
Daniel Weber - Redaktionsleiter
NZZ-Folio
Obwohl ich kein Fan von Blocher bin, muss sich die
Jury die Frage gefallen lassen, ob man einer Linkspartei angehören muss, um mitmachen zu dürfen und ob der BBA für politische Zwecke missbraucht wird.